Historisches 

Um die Entstehung des Namens Kaltherberge ranken sich eine Vielzahl von Geschichten, Sagen und schriftlichen Aufzeichnungen seit dem 17. Jahrhundert, die ausführlich in einer der Jubiläumsfestschriften (60 Jahre Kaltherberge) dargelegt wurden.

Auch zu der wechselvollen Geschichte der 1937 erbauten Reichskleinsiedlung gibt es viel zu erzählen.

 

 

Chronik der Siedlung Kaltherberge    von    Josef Nadler

Ein sicherlich interessanter Rückblick (nicht nur für Neusiedler sondern auch für die späteren Generationen der Erstsiedler) auf 77 Jahre Siedlungsgeschichte von der Planung bis zum heutigen Tage in mehreren Abschnitten  - dargestellt von Josef Nadler unter Verwendung erster Aufzeichnungen des verstorbenen früheren Vorsitzenden Hugo Wutz sowie Ergänzungen von Georg Nadler.

 

Teil I     1937 - 1945 

Bemerkenswert in diesem Abschnitt ist sicherlich das damals verwendete "Amtsdeutsch". Gleichzeitig wurde bewusst die Diktion des ersten Autors in dieser Aufzeichnung verwendet.

Auf der Rechtsgrundlage des Reichsheimstättengesetzes vom 20.Mai 1920 wurden in der Zeit nach dem 1. Weltkrieg "Reichsheimstätten" errichtet.

Am 5. Dezember 1935 hatte der damalige Oberbürgermeister Fiehler der "Hauptstadt der Bewegung" München die neu zu vermessenden Grundstücke für die Errichtung der Kleinsiedlung "Kaltherberge" mit 221 Siedlerstellen bereitgestellt.

Es waren die Plannummern 221-229 der Steuergemeinde Milbertshofen. Der Aufbau und die Errichtung der Siedlung erfolgte auf Grund des außerordentlichen Bayerischen Wohnungsbau-Programmes vom Jahre 1934, Teil lI, dem sogenannten "Siebert-Programm" und den hierzu ergangenen Richtlinien des damaligen Staatsministeriums für Wirtschaft.

Die Bau- und Erschließungskosten einer nicht ausgebauten Siedlerstelle, d.h. ohne Ausbau des Dachgeschosses, ohne Geräteschuppen sowie ohne Zwischenzäune, aber mit einem hohen Berg von Aushub und Bauschutt vor der Haustüre, waren auf ca. 5.600 Reichsmark veranschlagt. Davon musste der zukünftige Siedler anfangs 1937 ein eigenes Kapital von etwa 650 Reichsmark aufbringen, ohne zu wissen, welches Haus er einmal bekommen wird.

Die Siedlerstellen wurden nämlich Mitte 1937 durch den Bauträger auf dem Wege einer Verlosung an die durch Befähigungsnachweis – zu der auch eine von einer staatlich anerkannten Desinfektionsanstalt ausgestellte Bestätigung eines ungezieferfreien und desinfizierten Mobiliars gehörte – ausgesuchten Siedler verteilt. Dieser musste sich außerdem vertraglich verpflichten, das von ihm gezogene Los und die damit auf ihn treffende Siedlerstelle voll und ganz anzuerkennen. Lediglich eine befristete Tauschmöglichkeit mit anderen Siedlern wurde vom Träger selbst eingeräumt.

Im Spätherbst 1937 war es dann soweit. Der Bauträger hatte die inzwischen fertiggestellten Häuschen mit einer Reihe von Auflagen und Vorschriften bezüglich der Bebauung und Bewirtschaftung der Siedlerstelle den einzelnen Siedlern zunächst zur Pacht mit einer Kündigungsfrist von einem Monat übergeben.

Einige dieser damaligen Vorschriften sind so interessant, dass sie es verdienen, noch einmal ins Gedächtnis zurückgerufen zu werden. So zum Beispiel § 5 des Siedlervertrages:

"Der Siedler hat die Siedlerstelle samt Einrichtung pfleglich zu behandeln, auf seine Kosten ordnungsgemäß unter Beachtung der Gartenordnung zu unterhalten und instandzuhalten sowie den nach Sachlage möglichen Ertrag aus ihr im Wege des Gartenbaues und der Kleintierhaltung zu erwirtschaften. Außerdem hat der Siedler die Verpflichtung, auf Anordnung des Trägers in seinem Garten Hecken zu pflanzen und zu erhalten; er hat weiterhin noch die Verpflichtung zur Unterhaltung, Instandhaltung und Reinigung auch für die an seiner Siedlerstelle angrenzenden Straßenfläche, sofern diese Aufgaben nicht ordnungsgemäß durch die Genossenschaft nach § 8 erfüllt sind. Den Beauftragten des Trägers ist jederzeit der Zutritt zur Siedlerstelle und allen ihren Räumlichkeiten zu gestatten."

Erwähnenswert ist auch der § 8:

"Der Siedler verpflichtet sich, der "Gemeinnützigen Reichskleinsiedlungsgesellschaft-Am Hart GmbH" oder einer eigenen Genossenschaft mit gleichem Aufbau und gleicher Zweck-Bestimmung beizutreten und die Erreichung des Genossenschaftszweckes erforderlichen Geld- und Arbeitsleistungen pünktlich zu erfüllen. Der Siedler hat die von Seiten der Stadt oder des Trägers getroffenen Einrichtungen zu seiner Wirtschaftsberatung und Hausratgestaltung zu benutzen und den hierbei gegebenen Anregungen nachzukommen. Außerdem ist er verpflichtet, der amtlich anerkannten Siedlerorganisation beizutreten und sich deren Schulungen zu unterwerfen." 

Eine weitere Kuriosität ist die im § 5 erwähnte Gartenordnung, die besonders zu beachten war:

"1. Der Siedler hat sich hinsichtlich der Anlage und Gestaltung seines Gartens an den Plan zu halten, der mit dieser Gartenbauordnung an ihn zur Aushändigung gelangt."

Weiterhin heißt es dann in dieser damaligen Gartenbauordnung.

"6. Alle auf dem Grundstück anfallenden menschlichen und tierischen Abgänge sowie alle sonstigen fäulnisfähigen Abfälle sind auf einen Komposthaufen zu verbringen und dort sachgemäß zu kompostieren. Der Komposthaufen selbst ist nur an dem im Gartenplan hierfür vorgesehenen Platz anzulegen. Das Brachliegenlassen von Gartenland bzw. die Anlage übermäßig großer Rasenflächen ist untersagt und kann die Kündigung der Siedlerstelle nach sich ziehen."

Auf Grund dieser Verordnung  wurde der damalige Siedler buchstäblich dazu gezwungen, 3 Meter vom Schlafzimmerfenster des Nachbarn entfernt seinen Komposthaufen anzulegen!

Trotz der vielen Vorschriften und relativ starker Bevormundung waren alle Siedler froh, endlich ein eigenes Häuschen und ein kleines Stück Grund zu besitzen, welches sie selbst bewohnen und bebauen durften. Fleißige Hände der damals noch jungen Siedler trugen Schuttberge ab, planierten die Grundstücke, pflanzten Obstbäume, Beerensträucher und Gemüse an und ließen aus den ehemaligen Acker- und Weideflächen allmählich blühende Nutzgärten entstehen. Im darauf folgenden Jahr wurden Zwischenzäune, Geräteschuppen und Stallungen gebaut, sowie Kleintiere (Hühner, Hasen usw.) gezüchtet und es bahnte sich eine gute Grundlage für menschliche Existenz an.

Leider war das Glück, das den jungen Familien beschieden war, nur von kurzer Dauer. Schon 1939 bei Kriegsausbruch mussten die ersten Familienväter und Söhne ihrem Einberufungsbefehl Folge leisten. Bald konnte man keinen Nagel mehr ohne Bezugsschein kaufen und die Bomben haben ihre Häuser auch nicht verschont. Nur wenige Grundstücke blieben unbeschädigt. 12 Häuser erlitten einen Totalschaden und 14 Siedler fanden dabei den Tod.

                                                                                  

Teil II     1945 – 1951

Vertriebene in unserer eigenen Stadt

Während die meisten Männer noch in Kriegsgefangenschaft und die Kriegsschäden gerade notdürftig repariert waren, wurde im Dezember 1945 das gesamte Siedlungsgelände von amerikanischen Soldaten umstellt und beschlagnahmt. Alle Bewohner mussten die Siedlung verlassen. Sie durften weder Lebensmittel noch Möbel mitnehmen: lediglich Bekleidung, welche sie am Leibe trugen, wurde ihnen nicht weggenommen. Alles musste in den Häusern zurückgelassen werden. Für die Siedler brach eine Welt zusammen, als sie kurz vor Weihnachten heimatlos auf der Straße standen.

Ein Zeitzeuge erinnert sich an beispiellose Grausamkeiten, die sich die damaligen Besatzer bei dieser Vertreibung leisteten. Zwei kleine Beispiele sollen hier stellvertretend genannt werden; ein kleiner Bub wollte in einer Tragetasche seinen geliebten Stallhasen mitnehmen – der Besatzer nahm den Hasen und erschoss ihn vor den Augen des Buben oder eine ältere Frau  wollte einen Spiegel retten – dieser wurde auf den Boden geworfen und mit den Stiefeln zertreten. Diese Beispiele könnte man beliebig fortsetzen.

Grund für die Vertreibung war anfangs, dass die Siedlung Kaltherberge  als Auffanglager für rückkehrwillige Juden in den neuen Staat Israel dienen sollte. Später wurde dies auf die „DPs“ (Displaced  Persons – heimatlose Ausländer, die während der Nazizeit als Zwangsarbeiter rekrutiert waren) ausgedehnt. Federführend war hier die UNRRA – später IRO.  

Von der amerik. Militärregierung wurde ein max. Zeitraum der Beschlagnahme von 3 Monaten angegeben. Da sich aber viele der neuen Bewohner, aus welchen Gründen auch immer, weigerten in ihre alte Heimat zurück zu kehren, wurden daraus fast 5 Jahre. Es war ein ständiges „Kommen und Gehen“. Mehrfach wechselten die Bewohner, nahmen mit, was nicht „niet und nagelfest“ war, zerstörten die Wohnungseinrichtungen und verwüsteten die einst blühenden Gärten. Die Siedlung war auch zu einem Eldorado des „Schwarzmarktes“ verkommen.

Ständig wiederholte Demonstrationen der Siedlerfrauen in der Möhlstraße (Sitz des damaligen Oberrabbiners Dr. Auerbach) mit vielen Kindern und ins Rathaus zu Oberbürgermeister Thomas Wimmer hatten leider keinen Erfolg. Der Stadtrat von München war den Auflagen der Militärregierung unterworfen.  

Die Unterbringung der vertriebenen Familien aus der Siedlung war in der näheren Umgebung, d.h. in den Nachbarsiedlungen Am Hart, Neuherberge, an der Milbertshofener Straße und auch in dem Gebiet der „Alten Haide“ vorgesehen.

Bevorzugt ausgewählt wurden von den Verantwortlichen die Wohnungen der alten „PG`s“ (Nazi-Parteigenossen). Diese wehrten sich natürlich gegen die Einweisungen mit Schikanen und zum Teil auch gerichtlich. Die Unterbringung der vertriebenen Menschen war teilweise katastrophal.

Auch hier erinnern sich Zeitzeugen an die unhaltbaren Zustände. Hier ebenfalls ein Beispiel, das für viele stehen kann: In eine Vierzimmer-Wohnung wurden zwei Familien aus der Kaltherberge eingewiesen. Eine mit einem Kind  (Mädchen 6 Jahre alt). Gewohnt wurde in einem Zimmer, das gleichzeitig Wohnraum und Schlafzimmer für die 3 Personen (!!!) war. Die andere Familie mit 2 Mädchen (13 und 16 Jahre alt) in 2 Zimmern. Die Küche und das Bad mussten beide Familien gemeinsam benutzen. Gleiche oder ähnliche Beispiele waren an der Tagesordnung und brachten viele Streitereien  und Kontroversen mit sich.

Ein familiengerechtes Wohnen war kaum möglich. Nur der Disziplin der Betroffenen war es meistens zu verdanken, dass die ganzen Situationen nicht eskalierten. Sicherlich trugen hier auch die Bescheidenheit der damaligen Generation  und der Respekt (Angst) vor der Obrigkeit einen großen Teil dazu bei. Man war durch die lange Kriegs- und Unterdrückungszeit durch die damaligen Machthaber sehr verunsichert geworden.   

Ende des Jahres 1949  wurde der Südteil (ab der Gundelkofer-/Hüpfelinstr.) von den Alliierten - also nach ca. 4 Jahren - freigegeben. Der nördliche Teil war weiterhin beschlagnahmt (97 Häuser) und durch Stacheldrahtzäune abgetrennt. Dieser Teil wurde zum 1. Mai 1950 freigeräumt.

Auf Anordnung der amerikanischen Militärregierung wurden die 382 verbliebenen DP`s vor ihrer Abreise nach Israel noch in amerikanische Lager in Feldafing und Föhrenwald untergebracht.

Als man nun nach fast 5 Jahren wieder zurück in die Häuser durfte, war das Chaos riesengroß. Von der einst so schmucken Siedlung war nichts mehr übrig geblieben. Die Gärten waren verwildert und von Unrat (alte Matratzen, zertrümmerte  Kloschüsseln, Eisen- und Möbelteile, verrostete Fahrräder usw.) bedeckt. In den Häusern waren zum größten Teil die Fenster eingeschlagen, die Fußböden als Heizmaterialien zweckentfremdet, die elektr. Leitungen herausgerissen usw... alle Räume verdreckt und von Tierkot übersät, Möbel fast nicht mehr vorhanden... 

Zum Teil wurde das Inventar noch am Vortage der Räumung von LKW`s  der IRO weggefahren. Von den ehemaligen Gerätehäusern und Schuppen, die früher als Hühner- und Hasenställe Verwendung gefunden hatten, waren oft nur noch verfaulte Bretterbuden übrig geblieben.

Dies war die traurige Geschichte der “Vertreibung in unserer eigenen Stadt“. 

                                                                                                     Josef Nadler

 

Teil III – 1951 bis in die Neuzeit

Nun begann ein neuer Abschnitt unserer Siedlungsgeschichte.

Durch die allgemeine Not wuchs eine Gemeinschaft unter den Siedlern heran, die es ihnen ermöglichte, mit diesem harten Schicksalsschlag fertig zu werden.

So konnten fast alle beschädigten Siedlungshäuser auf freiwilliger Basis in nachbarschaftlicher Hilfe wieder aufgebaut werden.

Es entstand eine besondere gute Kameradschaft innerhalb der Siedlergemeinschaft mit intensivem  Zusammengehörigkeitsgefühl. Gemeinsame Bus-Ausflüge in alle Himmelsrichtungen sowie Faschingsbälle in der Gaststätte „Blaues Rössl“ an der Ingolstädter Str. (jetziges Fahrradgeschäft) wurden organisiert, die weiter zu einer harmonischen Gemeinschaft beigetragen haben.

Besonders möchte ich in diesem Zusammenhang auf die vielfältigen Aktivitäten der ersten Siedlergeneration hinweisen, die im Laufe der Jahre getätigt wurden, um das Leben in der Siedlung zu erleichtern bzw. um sie den geänderten Lebensbedingungen anzugleichen. Viele dieser Aktivitäten sind für die Bürger unserer Zeit nicht mehr nachvollziehbar bzw. sogar unwirklich.

Nun will ich einige Beispiele der besonderen Aktivitäten darlegen.

Unsere Sandstraßen standen im Unterhalt der Siedlung. Das hört sich so einfach an. Entscheidend war, dass man sich um den Straßenzustand und der Fahrsicherheit selbst kümmern musste. Was es aber für eine Schinderei für unsere „Straßenwarte“ war, kann man sich kaum vorstellen. Mühsam wurde Loch für Loch  ausgekratzt und neu mit Sand gefüllt. Ein starker Regen ... und die Straßen sahen wieder aus wie „Schweizer Käse“. Eine wahre Sisyphus-Arbeit. Eine große Leistung wurde daher im Jahre 1963 vollbracht. In einer beispielhaften Gemeinschaftsarbeit wurde die Staubfreimachung durch Aufbringung einer Teerdecke ermöglicht.

Mit Übernahme von Baukostenanteilen gelang es im Jahre 1965 den Siedlern, die von den Besatzungsleuten irrtümlich als Abfallgruben benutzten Klär- und Sickergruben zu beseitigen und dadurch die Möglichkeit zu schaffen, an das öffentliche, städtische Kanalnetz angeschlossen zu werden.

Wiederum war es dieser gesunde, vorausblickende und schon oft erwähnte Gemeinschaftsgeist der Siedler, der sie im Jahre 1975 veranlasste, bei notwendig gewordenen Renovierungsarbeiten der Stromfreileitungen auf einen nahezu kostenlosen  Umbau in eine Dachständerversorgung zu verzichten und auf freiwilliger Basis einen wesentlichen Kostenaufwand für eine zukunftssichere Erdverkabelung in Kauf zu nehmen. Gleichzeitig wurde von der Stadt München entgegenkommender Weise eine Neuinstallation der Straßenbeleuchtung vorgenommen.

Eine weitere Errungenschaft, die zur Aufwertung unserer Siedlung beigetragen hat, war im Jahr 1992 der Anschluss an das städt. Gasnetz.

Erinnert sei hier auch an die Auseinandersetzungen um die Übereignung der Siedlerstellen verbunden mit der Löschung der Heimstätten-Eigenschaft.

Im Zusammenwirken mit den Nachbarsiedlungen Am Hart, Neuherberge, Sperlingweg und Freimann sowie dem Bayr. Siedler- und Eigenheimerbund (jetziger Eigenheimerverband Bayern e.V.), konnte man in den Jahren 1971/72 den für unsere Grundstücke etwas zu engstirnig ausgelegten Bebauungsplan durchbrechen und eine Neufassung erwirken. Dies war dringend geboten, um der heranwachsenden Generation in den relativ kleinen  Siedlungshäusern einen angemessenen Wohnraum zu schaffen und damit eine Familie gründen zu können.

 

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Eine strenge Bauordnung verhinderte damals, ein echtes Zweifamilienhaus – auf diese noch von der GWG bevormundeten Grundstücke – zu bauen. In vielen Fällen führte es dazu, dass die Kinder aus dem Haus gehen mussten, um an anderen Stellen sesshaft zu werden. Die traurige Folge war, dass so mancher „Altsiedler“ seinen Besitz verkaufen musste, um seinen Lebensabend  wenigstens in einem Altersheim fristen zu können.

Eine Änderung der Satzung, die mit einem fast 4-jährigen Baustopp verbunden war, kam 1972 für diese alten Siedler leider zu spät.

Ihre Häuser und Grundstücke wurden meistens von Maklern oder Baufirmen aufgekauft und abgerissen, damit die Grundstücksflächen voll ausgenutzt werden konnten. Auch Erbstreitigkeiten spielten hier natürlich auch eine große Rolle.

Nun begann eine ganz andere Ära in unserer Siedlung. Langsam vollzog sich in den 70-iger und 80-iger Jahren des letzten Jahrhunderts ein Strukturwandel. Unsere Siedlung liegt nicht mehr am Rande der Stadt, sondern sie ist ziemlich in die Mitte gewandert.

Das bedeutet, dass die Grundstücke langsam aber stetig einen Wertzuwachs erfahren haben. Die erste Siedler-Erwerbs-Generation (Pioniere) ist mittlerweile, weitestgehend verstorben bzw. in Pflegeheime abgewandert. Aus den vorgenannten Gründen sind auch viele Nachkommen der 1. Siedlergeneration, die hier keine Chance hatten, in „alle Winde“ zerstreut.  

Es zogen in der Regel Leute in diese neugebauten Häuser ein, die von unserem alten Siedlergeist und unserem Gemeinschaftsgedanken oft befremdet sind. Es sind welche dabei, die das Wort „Siedler“ als diskriminierend ansehen und als „Eigentümer“ bezeichnend werden wollen.

Gott-sei-Dank – gibt es hier eine ganze Reihe von Ausnahmen, die sich in unserer Siedlergemeinschaft mittlerweile wohlfühlen und dies auch zum Ausdruck bringen.  

Nun möchte ich noch zwei Aspekte ansprechen, die uns seit langer Zeit immer wieder Probleme bereiten: 

Das ist einerseits die Anliegerschaft im Süden und Osten an den „Euro-Industriepark“, der im Jahre 1963 auf dem ehemaligen Bundesbahngelände von Herrn Anton Ditt gegründet wurde. Hier gab es von Anfang an enorme Nachbarschaftsprobleme, da die ursprünglich zugesagten Abstandsflächen, Höhenbegrenzungen und Einhaltung von Lärmvorgaben von unseren neuen Firmen-Nachbarn oft sehr großzügig gehandhabt wurden. Hier wurde auch oft von den städt. Behörden „ein Auge zugedrückt“.

Das ist des Weiteren: die Grenzposition zwischen 2 Stadtbezirken, nämlich Bezirk Nr. 11 (vorher 27) Milbertshofen, Am Hart und Nr. 12 (vorher 22) Schwabing-Nord, Freimann). Hier gibt es immer wieder Schwierigkeiten, da beide Bezirksausschüsse offensichtlich bei übergreifenden Problemen wenig Kommunikation pflegen.

Zum Abschluss meiner „Siedlungsgeschichte“ möchte ich noch einige positive Aspekte ansprechen.

Es ist sicherlich richtig, dass wir in einer ruhigen und sehr geschützten Stadtlage wohnen und auch weiterhin zusammen mit unseren Kindern und Kindeskindern wohnen wollen.  Dass das so bleibt, sind die jeweiligen Siedlungs-Vorstandschaften seit Jahrzehnten bemüht, durch viele geplante Aktivitäten und Veranstaltungen ein besonderes familien-freundliches, gemeinschaftsfähiges Umfeld zu schaffen.

 

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Ich erinnere hier an die fast jährlichen „Sommer-Straßenfeste“ im Umfeld des Mettenleiterplatzes. Hier wurde eine Tradition wieder belebt, die unsere „Altvorderen“ bereits in den frühen 70-iger Jahren auf der Grünfläche zwischen der Ruchsteiger- und Staudenrauchstraße organisiert hatten.

Seit einigen Jahren erfreut auch unsere alljährliche Adventfeier mit Nikolaus-Besuch und Kinderbescherung bei Grillwürst`l und Glühwein die vielen Besucher.

Erinnert sei auch die Errichtung eines „Wegkreuzes“ als Ausdruck unserer christlichen Wurzeln zusammen mit einem Steindenkmal zur Erinnerung an die verstorbenen Bewohner unserer Siedlung.    

Auch unsere bayerische Tradition kommt nicht zu kurz. Dank der damals „jungen Generation“ wurde durch das Aufstellen eines Maibaumes  in den letzten Jahrzehnten auch das bayerische Brauchtum gepflegt.

Der erste Maibaum wurde im Jahre 1986 nach alter Tradition per Hand mittels der sogenannten „Schwaibelstangen“ aufgestellt. Diese Prozedur erfolgt jeweils im Rhythmus von 4 Jahren, zuletzt im vergangenen Jahr. Leider war uns der Wettergott oft nicht sehr gut gesonnen. Das tat aber der Freude und dem Engagement keinen Abbruch. Viele Besucher unserer Feste aus unserer, aber auch aus den angrenzenden Siedlungen Am Hart, Neuherberge, Sperlingweg und Freimann usw. sind überaus erfreut über diese Feste. 

In diesem Zusammenhang darf ich auf unser „80jähriges Siedlungs-Jubiläum“ im kommenden Jahr hinweisen. Wir haben geplant, das Jubiläums-Straßenfest voraussichtlich am Samstag, den 24. Juni 2017 abzuhalten und dieses mit einem Festgottesdienst am Sonntag, den 25.06.2017 abzuschließen.

Als Autor dieser Siedlungsgeschichte, und Vertreter der „2. Generation“, der gerne in „unserer Siedlung“ lebt, wünsche ich mir, dass unsere Gemeinschaft auch weiterhin im guten Einklang bleibt und dass uns durch weitere Baumaßnahmen in unserem Umfeld (Bayernkaserne, Erweiterung der BMW usw.) auch für uns und unseren Nachkommen als Nachbarn das Leben noch lebenswert bleibt.

Ich habe versucht, aus der Erinnerung die Geschichte nach meinem Erleben zu schildern. Alle meine Ausführungen  erheben natürlich nicht den Anspruch auf Vollständigkeit. Sollte jemand diese Geschichte noch ergänzen können, bin ich gerne zu einem Gespräch bereit.                                                                                                                                                                               Josef Nadler